Abwärme aus Rechenzentren heizt Frankfurter Neubauviertel
Frankfurts Hitzestau: Wie Rechenzentrums-Abwärme die Energiewende vorantreibt
Frankfurt am Main, das pulsierende Finanzzentrum Deutschlands, erlebt einen doppelten Hitzestau: Einerseits treibt der Boom künstlicher Intelligenz (KI), Cloud-Computing und autonomem Fahren die Nachfrage nach Rechenzentrums-Kapazitäten in die Höhe, andererseits wird diese digitale Expansion nun zur Lösung für eines der drängendsten Probleme der Energiewende – den effizienten Wärmeversorgung. Mainova, der lokale Versorger, nutzt die Abwärme aus rund 80 bestehenden Rechenzentren und damit verbundenen Erweiterungen, um das innovative Neubauviertel Franky zu heizen. Hierbei deckt die Abwärme aus dem benachbarten Telehouse-Rechenzentrum mindestens 60 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs von etwa 4000 MWh für über 1300 Wohnungen und drei Kindergärten ab.
Dieses Projekt ist mehr als ein lokaler Erfolg: Es verkörpert eine symbiotische Allianz zwischen dem rasanten Wachstum der digitalen Infrastruktur und den Klimazielen der Energiewende. Wärmepumpen wandeln die 35-Grad-Abwärme aus den Serverkühlungen in 70-Grad-Heizwasser um – eine technische Meisterleistung, die auf kalten Tagen durch konventionelles Fernwärmenetz ergänzt wird. In einer Zeit, in der Deutschland seine CO₂-Emissionen bis 2030 um 65 Prozent reduzieren muss, demonstriert Frankfurt, wie Abwärmenutzung den Übergang zu erneuerbaren Energien beschleunigen kann.
> „Die Herausforderungen sind das Temperaturniveau der Abwärme, der Platz für die Großwärmepumpen und die Lage der Nutzer.“ – Paula Guesnet, Mainova, auf der Bundesländerkonferenz „Föderale Energiewende“ (DW, 29.12.2025)
Der vorliegende Beitrag analysiert die technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Implikationen dieses Modells, beleuchtet vergleichbare Initiativen und fragt: Kann Frankfurts Ansatz skalierbar auf urbane Ballungsräume ausgedehnt werden, während der KI-Hype die Rechenzentrums-Landschaft weiter verdichtet?
Das Franky-Viertel: Abwärme als Grundpfeiler nachhaltiger Stadtentwicklung
Das Franky-Viertel im Frankfurter Norden, speziell im Stadtteil Riedberg, markiert einen Meilenstein in der urbanen Energiewende. Dieses Neubauensemble umfasst über 1300 Wohnungen sowie drei Kindergärten und generiert einen jährlichen Wärmebedarf von rund 4000 MWh. Mainova, Frankfurts führender Energieversorger, versorgt hierfür mindestens 60 Prozent aus der Abwärme des benachbarten Telehouse-Rechenzentrums – ein Modell, das nahtlos in die Planung des Viertels integriert wurde.
Die technische Umsetzung basiert auf einer präzisen Kopplung: Die 35 °C warme Abluft der Server wird über Wärmetauscher erfasst und durch zwei leistungsstarke Großwärmepumpen auf 70 °C Heizwassertemperatur angehoben. Diese Aufwertung ermöglicht eine effiziente Einspeisung ins lokale Fernwärmenetz. An frostigen Wintertagen, wenn die Außentemperaturen unter den kritischen Schwellenwert fallen, ergänzt Mainova die Versorgung durch etablierte Fernwärmequellen, um eine zuverlässige 100-prozentige Abdeckung zu gewährleisten.
Die wichtigsten Kennzahlen des Projekts:
- Wohnungen und Einrichtungen: >1300 Apartments, 3 Kitas
- Jährlicher Wärmebedarf: ca. 4000 MWh
- Abwärmequote: ≥60 % aus Telehouse
- Eingangstemperatur: 35 °C (Abluft)
- Ausgangstemperatur: 70 °C (Heizwasser)
Diese Integration von Abwärme ab der Planungsphase umgeht die typischen Hürden bestehender Gebäude und schafft ein Ökosystem, in dem digitale Expansion und Klimaschutz koexistieren. Analytisch betrachtet reduziert dies nicht nur den Primärenergieverbrauch um geschätzte 20-30 Prozent, sondern stärkt auch die Resilienz des städtischen Wärmenetzes gegenüber volatilen Gaspreisen.
Technische Hürden meistern: Von niedriger Abwärme zu hochwertigem Heizmedium
Die Nutzung von Rechenzentrums-Abwärme stößt auf fundamentale technische Barrieren, die Mainovas Franky-Projekt brillant umschifft. Typischerweise weist die Abluft oder Kühlwasser aus Serverfarmen Temperaturen von 15 bis 60 °C auf – Werte, die für ältere Fernwärmenetze ungeeignet sind, da diese höhere Eingangsgrade erfordern. Entscheidend ist daher die Temperaturaufwertung mittels Großwärmepumpen, wie sie im Telehouse-Projekt mit zwei Anlagen realisiert wird: Von 35 °C Eingangsluft zu 70 °C Heizwasser.
> „Die Herausforderungen sind das Temperaturniveau der Abwärme, der Platz für die Großwärmepumpen und die Lage der Nutzer.“ – Paula Guesnet, Mainova (DW, 29.12.2025)
Besonders bei Bestandsbauten scheitern viele Initiativen: Hier müssen Versorger individuelle Verträge mit Eigentümern aushandeln, die langfristige Laufzeiten (mindestens 15 Jahre) garantieren. Neubaugebiete wie Franky erlauben hingegen eine integrierte Planung, bei der Wärmepumpen und Leitungen von vornherein dimensioniert werden.
Eine weitere Unsicherheit betrifft die Kontinuität der Wärmequelle. Rechenzentren gelten jedoch als extrem zuverlässig:
> „Wir haben noch nie eins schließen gesehen.“ – Rüdiger Lohse, Mitinitiator des AWANetz (DW, 29.12.2025)
Analytisch gesehen transformiert diese Technologie Abwärme von einer Belastung (Kühlbedarf frisst bis zu 40 % der Serverenergie) in einen strategischen Asset, der die Gesamteffizienz digitaler und thermischer Systeme verdoppelt. Dennoch erfordern Skalierung massive Investitionen in Pumpentechnik, geschätzt bei mehreren Millionen Euro pro Anlage.
Frankfurt als digitaler Hotspot: 110 Rechenzentren und regulatorische Impulse
Frankfurt festigt seine Rolle als europäischer Rechenzentrums-Hub, angetrieben durch den exponentiellen Bedarf an KI-Computing, Streaming, autonomem Fahren und vernetzter Industrie. Derzeit betreiben 80 Zentren ihren Betrieb, während rund 30 weitere in Planung oder Bau sind – eine Verdichtung, die das Rhein-Main-Gebiet zum „heißen“ Zentrum macht, wörtlich genommen durch den enormen Kühlbedarf (bis zu 40 Prozent des Energieverbrauchs).
Seit 2024 verpflichten bundesweite Regelungen große Rechenzentren (> 5 MW IT-Leistung), ihre Abwärme potenziell abzugeben. Dies kompliziert jedoch die Standortwahl:
> „Die Pflicht zur Abwärmeabgabe erschwert die Standortsuche für Rechenzentren.“ – Bitkom-Verband (DW, 29.12.2025)
Städtische Versorger wie Mainova sind hingegen nicht verpflichtet, diese Wärme zu nutzen – ein Asymmetrie, die Kooperationen wie im Franky-Fall zu Pionierleistungen macht. Netzwerke wie das AWANetz fördern den Wissensaustausch und standardisierte Verträge, um solche Synergien zu skalieren.
Makroökonomisch signalisiert dies eine Paradoxie: Der KI-Boom, der den Stromverbrauch Deutschlands bis 2030 um bis zu 15 Prozent steigern könnte (laut BDEW-Schätzungen), birgt gleichzeitig das Potenzial, den Wärmesektor zu dekarbonisieren. Frankfurt nutzt diese Dynamik, um wirtschaftliches Wachstum (Rechenzentren schaffen Tausende Jobs) mit Klimazielen zu verknüpfen – vorausgesetzt, Investitionen in Infrastruktur folgen.
Von Hattersheim bis global: Pilotprojekte und Skalierungswege
Frankys Erfolg ist kein Einzelfall, sondern Teil eines wachsenden Ökosystems. In Hattersheim am Main versorgt ein Neubau-Rechenzentrum ab 2026 450 Haushalte mit Abwärme. Ähnliche Piloten laufen beim Audi In Campus in Ingolstadt und in Braunschweig (Heinrich des Löwen Stadtteil). Das AWANetz koordiniert diese Initiativen und bereitet mit dem „Datacenter Heat“-Leitfaden (Release Anfang 2026) Best Practices aus Pilotphasen vor.
Global gesehen reifen vergleichbare Modelle: In den Niederlanden heizen Rechenzentren Schwimmbäder, in Schweden Distrikte, in Singapur Urban Farming. In Deutschland erweitert das Fraunhofer-Projekt IntegrH2ate Abwärme aus Elektrolyseuren für grünen Wasserstoff.
Wichtige deutsche Projekte im Überblick:
- 01Hattersheim: 450 Haushalte, Neubau-DC
- 02Ingolstadt (Audi): Pilot mit Industrieabwärme
- 03Braunschweig: Städtischer Pilot
- 04Datacenter Heat Guide: Früh 2026, basierend auf Franky u.a.
> „Da muss man die Kunden einzeln suchen und Verträge abschließen, die alle die gleichen Laufzeiten haben.“ – Paula Guesnet zu Bestandsbauten (DW, 29.12.2025)
Analytisch ergibt sich ein klares Skalierungspotenzial: Bis 2030 könnte Abwärme aus Rechenzentren 10-15 Prozent des urbanen Wärmebedarfs decken, sofern regulatorische Anreize (z.B. Förderungen für Wärmepumpen) und standardisierte Verträge folgen. Die Herausforderung bleibt die Lagekompatibilität – Neubaugebiete profitieren am ehesten.
Zukunftsperspektiven: Eine symbiotische Energiewende durch KI-Abwärme
Das Franky-Projekt verkörpert die Quintessenz einer intelligenten Energiewende: Der KI-induzierte Rechenzentrums-Boom, der Frankfurt zu einem digitalen Magneten macht, wird zum Heizkraftwerk für die Stadt. Mit 60 Prozent Abwärmedeckung für 1300 Haushalte demonstriert Mainova, wie technische Innovationen – Wärmepumpen, integrierte Planung – regulatorische Pflichten in wirtschaftliche Chancen verwandeln.
Breiter geachtet birgt dies meta-levelle Implikationen: Deutschland kann seinen Wärmesektor dekarbonisieren, ohne den Digitalisierungsdrive zu bremsen. Netzwerke wie AWANetz und der bevorstehende „Datacenter Heat“-Leitfaden (2026) ebnen den Weg für Skalierung – von Hattersheim bis hin zu metropolenweiten Netzen.
Politikmacher sollten nun handeln: Förderprogramme für Wärmepumpen aussetzen, Vertragstandards etablieren und Abwärmepflichten mit Anreizen koppeln. In einer Ära, in der Stromhungers der KI die Energiemärkte spaltet, schafft Frankfurt ein Modell der Koexistenz – wo Serverhitze Wärme für Generationen spendet und die Energiewende beschleunigt.
